Konflikte in Nord-Irland

1169 erobern die Normannen Irland. In den folgenden Jahrhunderten besiedeln die Briten die grüne Insel und 1541 ernennt sich Heinrich VIII. von England selbst zum König von Irland. Wiederholte Aufstände der Iren gegen die Fremdherrschaft werden von den britischen Imperialisten zurückgeworfen. Am 12. Juli 1690 unterliegt der katholische König Jakob II. in der Schlacht am River Boyne dem protestantischen König Wilhelm III. von Oranien.

Als Reaktion auf die fortgesetzte Unterdrückung und Diskriminierung gründen sich 1778 die Volunteers und 1798 die United Irishmen. Der Aufstand der Irish Republican Brotherhood (IRB), der Fenier, wird 1867 niedergeschlagen. Im Jahre 1904 organisiert das Ulster Unionist Council die verschiedenen unionistischen Verbände unter einem Dach. Ein Jahr später wird die nationalistische Partei Sinn Féin ins Leben gerufen. Am 24. April 1916, dem Ostermontag, besetzen 900 Kämpfer der IRB das Hauptpostamt in Dublin und proklamieren die irische Republik. Die britische Armee schlägt den Aufstand nieder und verhängt 90 Todesurteile gegen die Anführer um Patrick Pearse. Die Irisch Republican Army (IRA) beginnt ihren bewaffneten Kampf für eine unabhängige Republik Irland. Der Government of Irland Act teilt Irland 1920 in zwei Staaten: den Norden mit den Grafschaften Antrim, Armagh, Down, Fermanagh, Londonderry und Tyrone und den Süden. Der Bürgerkrieg von 1920 endet 1923 mit einem Waffenstillstand. Nach ihrem Verbot beginnt die IRA 1939 eine Bombenserie auf dem britischen Festland. Der Freistaat Irland erklärt sich 1949 zur Republik Irland (Eire). 1956 führt die IRA ihre „Grenzkampagne“ durch.

Die protestantische Ulster Volunteer Force (UVF) tötet 1966 katholische Zivilisten. Das brutale Vorgehen der nordirischen Polizeri (RUC) gegen die neuformierte Bürgerrechtsbewegung und die Überfälle der loyalistischen Paramilitärs führen zur Reaktivierung der IRA und zur Eskalation der Troubles. Die Katholiken werden ökonomisch, politisch, gesellschaftlich und kulturell benachteiligt. Sie finden kaum Arbeit oder eine Wohnung und dürfen weder die irische Flagge hissen noch ein Fleadh organisieren. Dagegen können die Oranier und die Apprentice Boys unvermindert ihre Märsche durchführen. Innerhalb Sinn Féins und der IRA entwickeln sich sozialistische Tendenzen gegen einen undemokratischen Staat und für eine Emanzipation der katholischen Community.

1969 beginnen blutige Unruhen zwischen Katholiken, Protestanten. In der Nordbelfaster Divis Street wird im August 1969 ein neunjähriger katholischer Junge von der Polizei erschossen. Protestanten verbrennen auf einer Länge von zwei Kilometern sämtliche Häuser von Katholiken. Die britische Armee entsendet Panzer in die Straßen von Belfast. Sieben Katholiken sterben. Loyalisten und die Royal Ulster Constabulary (RUC) stürmen die Bogside in Derry und die Falls Road in Belfast. Die IRA spaltet sich in die „Official IRA“ und die „Provisional IRA“; auch Sinn Féin trennt sich in unterschiedliche Flügel.

Am 9. August 1971 veranlasst die britische Regierung die Internierung, die 342 – zumeist katholische – Männer ohne Prozess über Monate inhaftiert und misshandelt. Die IRA reagiert auf die Internierung mit einer Offensive. Die Loyalisten töten in den vier Monaten nach der Internierung 37 Zivilisten, 30 Soldaten und 11 Polizisten.

1972 kommt es in Derry zum „Bloody Sunday“: britische Fallschirmjäger töten am 30. Januar 13 Demonstranten einer friedlichen Kundgebung der Northern Ireland Civil Rights Association (NICRA), die z.T. durch Schüsse in den Rücken sterben und allesamt unbewaffnet sind. Bei den bürgerkriegsähnlichen Unruhen des Jahres sterben 600 Menschen. Gefangene der Internierung erreichen durch einen Hungerstreik ihre Anerkennung als politische Gefangene, die 1976 revidiert wird. Großbritannien ersetzt die nordirische Eigenstaatlichkeit durch eine direkte britische Herrschaft. Nach Jahren weiterer Kämpfe erklärt die IRA 1975 einen Waffenstillstand.

1979 werden bei einem Anschlag der IRA Graf Mountbatten Prinz von Battenberg und drei weitere Menschen getötet. In den H-Blocks der Strafanstalt „The Maze“ beginnt 1981 nach dem „schmutzigen Protest“ der „Blanket Men“ ein fünfmonatiger Hungerstreik gegen die Kriminalisierung der katholischen Gefangenen: Premierministerin Thatcher lehnt die Forderungen der Gefangenen nach politischem Status trotz großer internationaler Aufmerksamkeit und weitreichender Solidarisierungskampagnen ab. Bobby Sands, der die Nachwahlen zum Unterhaus in Westbelfast gewinnt, und neun weitere Häftlinge sterben. 60 Menschen werden bei den nachfolgenden Unruhen getötet. 1984 verübt die IRA beim Parteitag der Konservativen einen erfolglosen Bombenanschlag auf das englische Kabinett und Premierministerin Thatcher.

Ab 1988 führen Gerry Adams (Sinn Féin) und John Hume (Social Democratic and Labour Party (SDLP)) erste Verhandlungen zur Erreichung eines Friedens. Parallel zu weiteren Anschlägen kristallisieren sich in den folgenden zehn Jahren Konkturen eines Friedensprozesses heraus, an der sukzessive die verschiedenen Seiten des Konflikts teilnehmen.

1994 erklärt die IRA einen Waffenstillstand, den sie 1996 beendet und 1997 erneuert. Die Loyalisten verzichten im Oktober 1994 auf bewaffnete Attentate. Rückschläge des Friedensprozesses stellen u.a. die alljährlichen Oranier-Märsche zum 12. Juli in Dumcree und der Bombenanschlag der IRA in den Londoner Docklands vom 9. Februar 1996 dar.

1997 beginnen die Allparteiengespräche über Frieden in Nordirland, die am 10. April 1998, dem Karfreitag, in das „Good Friday Agreement“, das Karfreitags- oder auch Belfaster Abkommen, münden. David Trimble (Ulster Unionist Party (UUP)) und John Hume erhalten den Friedensnobelpreis 1999.

Trotz des Attentats der Real IRA, bei dem am 15. August 1998 in Omagh 29 Menschen sterben, nimmt die Regionalregierung des autonomen Nordirland unter David Trimble (Ulster Unionist Party (UUP)) und Martin McGuinness (Sinn Féin) am 2. Dezember 1999 ihre Arbeit auf.

Wegen einer Kontroverse um die Entwaffnung der IRA setzt die britische Regierung zwischen 2000 und 2002 die Autonomie Nordirlands wiederholt aus. Am 28. Juli 2005 kündigt die IRA, die sich bereits im Juli 2002 für die Tötung von Zivilisten entschuldigt, an, alle Waffen abzugeben und auf Gewalt zu verzichten.

Im Jahr 2001 greifen Protestanten katholische Grundschülerinnen auf ihrem Weg zur Holy-Cross-Schule im Belfaster Stadtteil Ardoyne mit Steinen und mit einer Granate an. Mehrere Monate müssen 400 Polizisten und Soldaten mit Maschinengewehren den 300 Meter langen Schulweg der Kinder durch protestantisches Gebiet schützen. Im Januar 2008 erklärt die Continuity IRA, den bewaffneten Kampf gegen die britischen Besatzer fortsetzen zu wollen. Ein Jahr später, am 10. Märt 2009, tötet die Continuity IRA bei einem Attentat einen Beamten des Police Service of Nothern Ireland. In der Folge kommt es zu verstärkten Aktivitäten von republikanischen Gegnern des Karfreitags-Abkommens. Die Irish News veröffentlicht am 28. Juli 2009 79 Bombendrohungen allein für den März 2009. Im selben Monat bekennt sich die Real IRA zu einem Anschlag in Dublin, dem zwei britische Soldaten zum Opfer fallen. Die Splittergruppe besitzt offenkundig Zugang zu früheren Waffendepots und zu ehemaligen Finanzen der IRA. Eine Bedrohung des Friedensprozesses schließen Republikaner ebenso wie Loyalisten aus.

September 2009


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