Konflikte in Tschetschenien

Tschetschenien ist eine autonome Provinz Russlands und liegt an der russisch-georgischen Grenze am Rand des Kaukasus-Gebirges. Es ist ca. 19.000 km² groß und damit ungefähr so groß wie das Bundesland Sachsen. 1991 erklärte sich die Provinz für unabhängig. Russland versucht jedoch, mit kriegerischen Mitteln die Republik in den Vielvölkerstaat zurückzuholen.

Karte vom Kaukasus-Gebiet

Im 16. Jahrhundert ziehen nach und nach russische Stämme in das kaukasische Gebiet, in dem auch Tschetschenien liegt, ein. Ab dem 18. Jahrhundert gehen die russischen Truppen des Zaren auch mit Gewalt gegen die Völker im Kaukasus vor. Eine kaukasische Widerstandsbewegung gegen die russischen Truppen formiert sich. Tschetschenien ist das Zentrum dieser Bewegung.

1864 beginnt die russische Deportationspolitik gegenüber den Tschetschenen: Hunderttausende werden in das benachbarte Osmanische Reich verschleppt.

1944 startet die zweite Deportationswelle: Viele Tschetschenen werden vom Land ihrer Vorfahren vertrieben und nach Sibirien und in die nördlichen Regionen Kasachstans deportiert. Die Gesamtheit der tschetschenischen Nation wird beschuldigt, mit den deutschen Faschisten zu kollaborieren. Grosny, eine Stadt mit 400.000 Einwohnern, wird fast vollständig vernichtet.

Dschochar Dudajew

Nach dem Zerfall der Sowjetunion ruft Tschetschenien im September 1990 seine Unabhängigkeit aus. Im Oktober 1991 wird Dschochar Dudajew mit 85% der Stimmen zum Präsidenten des Landes gewählt. Weder der sowjetische Präsident Gorbatschow, noch sein Nachfolger, der russische Präsident Jelzin, erkennen die Unabhängigkeit Tschetscheniens an. Auch international erkennen lediglich Georgien in der Regierungszeit des georgischen Präsidenten Gamsachurdia und das von den Taliban besetzte Afghanistan die Unabhängigkeit Tschetscheniens an.

1993 wird die Russische Föderation gegründet. Russland akzeptiert nicht, dass Tschetschenien sich der Russischen Föderation nicht anschließen möchte, denn Tschetschenien hat bedeutende Erdöl-Reserven und eine wichtige Pipeline verläuft durch die Provinz. Außerdem befürchtet man den Zerfall des Vielvölkerstaates Russland. Die russische Regierung unterstützt in der Folge zunächst die politischen Gegner Dudajews und verstärkt ihre Truppen an den Grenzen zu Tschetschenien.

Bis 1994 flüchtet ein großer Bestandteil der russischsprachigen Bevölkerung aus Tschetschenien (ca. 200.000 – 300.000).

1994 attackiert die tschetschenische Opposition die Hauptstadt Grosny, sie bleibt jedoch erfolglos. Der russische Präsident Jelzin fordert die Tschetschenen auf, in den Völkerverband Russlands zurückzukehren, und stellt ein Ultimatum, bis zum 9. Dezember 1994 die Waffen niederzulegen.

Am 11. Dezember 1994 marschieren russische Truppen in Tschetschenien ein. Dieses Datum gilt als Beginn des „Ersten Tschetschenien-Krieges“.

Der russische Verteidigungsminister Gratschow verkündet, dass Tschetschenien innerhalb von zwei Wochen eingenommen werden solle. Am 31. Dezember kommt Russland seiner Forderung nach und greift Grosny mit Artillerie aus der Luft an. Die Tschetschenen leisten Widerstand gegen die russischen Truppen. Hunderte Soldaten fallen und Tausende werden verwundet. Es stellt sich heraus, dass die von Gratschow eingeplante Zeit von „zwei Wochen“ zu kurz bemessen war: Grosny wird von der russischen Armee mit schweren Verlusten erst im März 1995 eingenommen, also 2½ Monate später als geplant.

Die überlebenden Tschetschenen ziehen sich in den Süden des Landes zurück und führen von dort einen Guerilla-Krieg.

Die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) vermittelt im Februar 1995 zwischen Russland und Tschetschenien und die Lage beruhigt sich.

Im August 1995 stürmen tschetschenische Truppen überraschend Grosny und nehmen die Stadt ein.

Im Januar 1997 wird Aslan Maschadow wird zum Präsidenten von Tschetschenien gewählt. Im März desselben Jahres unterzeichnet er mit der russischen Regierung einen Friedensvertrag. Der erste Tschetschenien-Krieg ist beendet.

1999 ordnet der russische Innenminister Präventivschläge gegen die Stützpunkte tschetschenischer Rebellen an und antwortet damit auf Überfälle von tschetschenischen Rebellen auf russische Stützpunkte.

Im selben Jahr ordnet Wladimir Putin, der damalige Premierminister Russlands, eine militärische Lösung des Tschetschenien-Konfliktes an. Am 1. Oktober beginnt die so genannte „Antiterror-Operation“. Der Zweite Tschetschenien-Krieg beginnt.

Im Oktober 20002 nehmen tschetschenische Selbstmordattentäter nach einer Premiere im Moskauer Dubrowka-Theater 700 Geiseln und fordern eine Beendigung des Krieges. Bei der umstrittenen Befreiungsaktion kommen 41 Geiselnehmer und 129 Geiseln ums Leben. Es wird auch ein ungetestetes Betäubungsmittel eingesetzt, das für den Tod vieler Menschen verantwortlich gemacht wird.

Der pro-russische Achmat Kadyrow wird 2003 zum tschetschenischen Präsidenten gewählt. Die Wahl ist höchst umstritten. Es wird gesagt, dass der russische Präsident Putin alle Kandidaten, die in Umfragen vor Kadyrow lagen, nicht kandidieren ließ.

2003 stimmen bei einer Volksbefragung in Tschetschenien laut offiziellem Ergebnis 95,5 Prozent der Bevölkerung für den Verbleib in der Russischen Föderation. An der Authentizität des Ergebnisses wird jedoch gezweifelt.

Im Mai 2004 stirbt Kadyrow durch einen Bombenanschlag. Der pro-russische Alu Alchanow wird zum neuen Präsidenten gewählt. Auch diese Wahl wird von internationalen Wahlbeobachtern als undemokratisch bezeichnet.

Der im Untergrund lebende Maschadow kündigt in einem Radio-Interview eine Taktikänderung der tschetschenischen Rebellen an. Kurz darauf richten Rebellen systematisch alle russischen Polizisten, Soldaten, Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft und des Geheimdienstes hin. In dem Blutbad sterben 79 Menschen und es gibt 113 Verletzte. Unter den Toten sind 48 russische Sicherheitskräfte und 28 Zivilisten.

Im September 2004 stürmen tschetschenische Guerillakämpfer am ersten Schultag eine Schule im nord-ossetischen Baslan. Sie bringen zahlreiche SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern in ihre Gewalt. Sie drohen mit der Sprengung der Turnhalle, in der sich die Geiseln aufhalten, falls Russland sich nicht aus Tschetschenien zurückziehe. Dabei sterben ca. 338 Zivilisten und Sicherheitskräfte sowie die etwa 30 Geiselnehmer. Vor der Geiselnahme werden zwei russische Passagiermaschinen entführt und später gesprengt. Etwa 90 Menschen sterben. Beim Anschlag auf eine Station der Moskauer Metro gibt es 12 Todesopfer. Die Verantwortung für alle diese Taten übernimmt Schamil Bassajew, ein tschetschenischer Rebellenführer und derzeit meistgesuchte Mensch Russlands.

2004 bezeichnet das Europaparlament „die Deportation der gesamten tschetschenischen Nation nach Zentralasien am 23. Februar 1944, die von Josef Stalin angeordnet war“ als „einen Akt von Genozid“.

2005 gelingt es Russland, den tschetschenische Rebellen-Präsident Maschadow zu töten. Er gilt als Mitorganisator zahlreicher Anschläge.

2009 erklärt Russland auch den Zweiten Tschetschenien-Krieg für beendet. Die russischen Truppen sollen demnach bald das Land verlassen.

Januar 2010


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